Chaos als Chance - zurück zur politischen Kultur
Die beiden grossen politischen Lager in Deutschland bringen nach der Bundestagswahl keine Mehrheit im Bundestag zustande. Angela Merkel beansprucht die Regierungsbildung für sich, Gerhard Schröder tut selbiges. Bei den Gesprächen mit der Union, die in den nächsten Tagen stattfinden werden, wird der Kanzler neben Franz Müntefering die SPD vertreten.
Sondierungsgespräche der Union und der FDP mit den Grünen sind heute in einer Weise verlaufen, dass über Jamaika-Koalition wohl bald nicht mehr geredet werden muss.
Einige Abgeordnete der Linkspartei hatten heute gegenüber dem Spiegel geäußert Schröder bei der Wahl zum Bundeskanzler unterstützen zu wollen und wurden sofort von der Parteiführung zurückgepfiffen. Sowohl die Union als auch die SPD betonen, eine Miderheitsregierung in keinem Falle anstreben zu wollen.
Die FDP lehnt Gespräche mit der SPD ab, während Westerwelle und Gerhardt um den Fraktionsvorsitz streiten. Franz Müntefering möchte die FDP noch für eine Ampel weichklopfen, wofür die Grünen bei Sondierungsgesprächen mit der SPD wenig Begeisterung zeigten.
Die SPD möchte die Fraktionsgemeinschaft im Bundestag über die Geschäftsordnung abschaffen, so die Union in CDU und CSU aufspalten und damit als stärkste Fraktion ihren Anspruch auf die Regierungsbildung zu legitimieren.
Eine große Koalition wird ohne grosse Bewegungen bei SPD und CDU kaum möglich sein - dafür müssten viele Köpfe rollen. Weder Angela Merkel noch Gerhard Schröder würden dann Bundeskanzler werden. Dann bekäme der Souverän einen Bundeskanzler, für den er gar nicht gestimmt hat.
Neuwahlen wären der letzte Ausweg, symbolisch aber eine Niederlage für die Deutsche Demokratie. Vielleicht ist aber gerade die gelungene Regierungsbildung bei so unklaren Mehrheitsverhältnissen ein Aufruf für die Politiker, die in der Lage jenseits der Parteilinie konsensbereit sind, die Initiative zu ergreifen. Als gemeinsame Leitlinie hätte dann vielleicht der gesunde Menschenverstand wieder eine Chance. So einen Mentalitätswechsel in der politischen Klasse ist lange überfällig. Berufswahlkämpfer sind jetzt nicht mehr gefragt.