Man kann viel Schlechtes über George W. Bush sagen, bewundernswert ist jedoch die kompromisslose Loyalität gegenüber seinen Mitarbeitern, die natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen muss. So wurde Condoleeza Rice, die keine Memos über Flugzeuge als Terrorwaffen beachten wollte, zur Aussenministerin und so behielt Donald Rumsfeld seinen Job, obwohl er nach gesundem Menschenverstand längst für den lausig geplanten Irak-Feldzug hätte gefeuert werden müssen. Karl Rove, der zusammmen mit dem jetzigen Stabschef des Vizepräsidenten Lewis “Scooter” Libby und wohl auch dem ehemaligen Sprecher des Weißen Hauses Ari Fleischer im Mittelpunkt der Ermittlungen des Sonderanklägers Patrick Fitzgerald steht, nimmt ohne Zweifel eine zentrale Position im politischen Leben des Präsidenten ein.

Nun Stellt sich heraus, daß der Stab des Weißen Hauses 12 Stunden Zeit hatte, sich auf die offizielle Ermittlung des Sonderanklägers vorzubereiten. Genug Zeit, um Beweise zu beseitigen? Ein damals wenig beachtetes Detail gewinnt in den letzten Tagen an Brisanz: Am Abend des 28. September 2003 hat Justizminister Alberto Gonzales, der damals der Rechtsberater im Weißen Haus war, von der Untersucheng zum Leck im Weissen Haus erfahren. Den Stab des Weißen Hauses hat er allerdings erst am Morgen des 29. September 2003 über die Untersuchung des Justizministeriums informiert - 12 Stunden später. Gonzales hätte direkt veranlassen müssen, daß die relevanten Akten bis zur Durchsicht unangetastet bleiben. Warum hat er sich soviel Zeit damit gelassen? Das wäre nicht weiter bedenklich, hätte Gonzales vorher nicht mit Andy Card, dem Stabschef im Weißen Haus gesprochen. Andy Card wusste also vorher bescheid und hätte so seine Mitarbeiter informieren können, die wiederum hätten in diesem Zeitraum alles belastende Material verschwinden lassen können. Gonzales selbst erklärte damals zu der Verzögerung, er wollte bis zum nächsten Arbeitstag warten, da am Abend so gut wie niemand in den Büros gewesen sei. Wenig glaubwürdig im Zentrum der freien Welt.

Der Druck wächst und die Untersuchung zur Klärung des Lecks im Weißen Haus enthüllt ein Bild der aktuellen politischen Kultur in Washington, das viele bestimmt lieber verhüllt gelassen hätten. Der Machtmissbrauch, den Mitarbeiter des Weißen Hauses mit der gezielten Herausgabe einer Geheiminformation begingen, wird deutlich. Die Enttarnung von Joe Wilsons Frau als Racheakt für sein Editorial in der New York Times scheint allerdings schwerwiegende Kosequenzen für die Beteiligten nach sich zu ziehen.

Für das Weiße Haus geht es jetzt um die Bewahrung der Glaubwürdigkeit und für die republikanische Partei um den Erhalt der Mehrheit im Senat bei den Wahlen 2006. Da auch weiterhin mit Ergebnissen aus Ermittlungen in diesem Fall zu rechen ist, wird dieser Skandal nicht, wie so viele andere in der Bush-Regierung, einfach ins Land des Vergessens entschwinden. Inzwischen sind 49% der Amerikaner der Meinung, Karl Rove sollte gefeuert werden und 51% glauben, sie seien von der Bush-Regierung unter falschen Voraussetzungen zum Irak-Feldzug verleitet worden. Da hilft es möglicherweise auch wenig, wenn der republikanische Senat nun die Untersuchung selbst auf ihre Legitimität überprüft.

Die Ermittlungen scheinen nicht nur auf das Leck im Weißen Haus beschränkt zu sein, sondern auch auf den Ursprung, der fatalen 16 Worte über die Irak-Niger-Uran Connection in der Rede des Präsidenten zur Lage der Nation 2003. Das Weiße Haus hatte auf Fehler der CIA verwiesen. Scott McClellan, Sprecher im Weißen Haus, mauert weiterhin die Fragen des munter gewordenen Pressekorps, die sich auf das Thema beziehen, mit schlagkräftigen Finten wie “wie wollen die laufende Ermittlung nicht behindern”, oder “ich habe diese Frage schon letzte Woche beantwortet”. Langsam stellt sich die berühmte Frage, die ein republikanischer Senator vor 30 Jahren Richard Nixon stellte: “What did the president know and when did he know about it?” Als Belohnung gibt es auf jeden Fall für Rove und Libby erstmal eine Gehaltserhöhung.